Vortrag im Rahmen der Reihe »Sechs Vorträge zu Geneviève Morels Buch Das Gesetz der Mutter (La loi de la mère)«, 20. März 2010
Ort: Institut Français de Vienne, Währinger Straße 30, 1090 Wien
Beginn: 14 Uhr
Dauer: ca. 3,5 Stunden.
Eintrittspreis: 20,00 € (Ermäßigungen für Studenten etc. an der Tageskasse möglich)
Einschreibung: Die Anmeldung ist wünschenswert unter: perez-valverde@utanet.at.
Nähere Informationen bei: Marta Pérez Valverde, perez-valverde@utanet.at. Tel.: 01 / 512 71 77
Büchertisch: Apunkt, Bücherhandlung Brigitte Salanda, Fischerstiege 1-7, 1010 Wien
Geneviève Morels Buch Das Gesetz der Mutter (Paris, 2008) hat in Frankreich, aber auch im deutschen Sprachraum, eine bemerkenswerte Anzahl anspruchsvoller Leser gefunden. Sie erkennen in ihm einen Durchbruch in der Theorie und in der Klinik der Psychoanalyse. Er geht von einer gründlichen und werktreuen Lektüre der späten Schriften und Seminare Jacques Lacans aus. Die Autorin erklärt dessen oft schwierige Begriffe, Argumente und topologische Figuren, Ein reiches klinisches Material zeigt, dass dieser Zugang der Analytikerin bei ihrer Arbeit im Unbewussten schöpferisch geholfen hat.
Als Lacan im Jahre 1958 seine Vatermetapher niederschrieb, gab er dem Vater die Funktion, das Begehren der Mutter seinem Kind gegenüber zu deuten, also die Dunkelheit dieses Begehrens dem Kind zu erhellen. Der Vater war somit der Garant gegen die Gefahr, dass die Mutter ihr Kind mit allen ihren unerfüllten Wünschen besetzte, und es damit bis zum Wahnsinn überforderte. Traten bei dem Kind trotzdem Symptome hervor, so galt der Vater eben als schwach, abwesend, impotent oder gedemütigt. Funktionierte er gar nicht, so nahm man an, dass das junge Subjekt den Name-des-Vaters verworfen hatte, eine Verwerfung, welche seine Psychose zur Folge hatte. Der Vater war also der Repräsentant des Gesetzes und was von seinem Gesetz abwich, musste zu einem mehr oder weniger schweren Symptom führen. Von dieser vom Vater dominierten Sicht nahm Lacan schon bald Abstand. Seine Erfindung des Objekts a, dessen Vorläufern die Teilobjekte Abrahams, Kleins und das Übergangsobjekt Winnicotts sind, weisen den Phallozentrismus der Vatermetapher in die Schranken. Die Stimme ist eines dieser neuen Objekte; und die erste Stimme, die ein Kind hört, kommt ja meist von der Mutter.
Geneviève Morel geht nun aber von einer noch späteren Epoche in Lacans Theorienbildung aus, jener der Jahre 1973 bis 1978. Sie vergisst aber keineswegs die Lehre der Fünfziger-Jahre. Im Gegenteil, sie zeigt, wie fruchtbar diese bleibt, wenn man die Neuerungen der Siebziger-Jahre ernst nimmt. Was ändern diese in Geneviève Morels Darstellung ?
Die Vatermetapher verspricht eine perfekte Übersetzung der für das Kind ziemlich rätselhaften Sprache der Mutter, die aus den Zeichen ihrer An- und Abwesenheit, ihrem »fort/da«, besteht, in eine für das Kind sinnvolle Kommunikation. Sofern der Vater seine Funktion erfüllt, bringt er die Mutter dazu, dem Kind anzuzeigen, was sie will : den Phallus des Vaters und nicht das Kind als Phallus.
Geneviève Morel weist nun darauf hin, dass eine Mutter viel mehr tut, als nur für das Kind fort- und da zu sein, um ihm damit zu verstehen zu geben, dass sie auch einen Mann hat, den sie liebt. Worin besteht dieses ‘mehr’?
Sie spricht mit ihrem Kind ab seiner Geburt, das heißt bevor es noch ihre Sprache verstehen kann ; sie sagt ihm sogar viel Krudes, was aus der symbolischen Ordnung des Namens-des-Vaters herausfällt. Sie lässt ihr Kind an ihrem Genießen teilhaben, ohne dass man sagen könnte, sie übertrete damit das Inzestverbot. Diese oft unbewusste Einweihung des Kindes in das Genießen verläuft nicht nur über die Kindespflege sondern auch über das mütterliche Lallen und Sprechen, das manchmal sehr sinnliche Formen annimmt. Die mütterlichen Äußerungen überfluten das Kind, reizen es, ohne dass der Vater es gegen diese sprachlichen Reize abschirmen könnte. Zusätzlich enthält das mütterliche Sprechen, wie jedes andere auch, Zweideutigkeiten, die das Kind für sein ganzes Leben prägen werden, weil ihm diese Äquivoke bei ihren ersten Äußerungen völlig unverständlich blieben.
Wenn sich erweisen lässt, dass diese Zweideutigkeiten einen direkten Einfluss auf das Leben des Subjekts und seine Sexualität (seine Objektwahl) ausüben, spricht Geneviève Morel, vom »Gesetz der Mutter«. Sie will mit diesem archaischen Gesetz jedoch keineswegs das symbolische Gesetz ersetzen.
Selbst so große Kinderanalytiker wie Klein und Winnicott haben die klinischen Wirkungen dieser Einflössung von Mutters Sprache nicht erfasst, denn sie beschränken die Aktion der Mutter auf die Kundgebung ihrer Liebe und deren Versagung. (Bei Winnicott: die Funktionen der good enough mother).
Selbst wenn der Vater und seine Metapher voll zur Wirkung kommen, wird das Kind mit einer Sprache zu tun haben, in der das Genießen der Mutter mitfliesst. Das heißt aber auch, dass jedes Subjekt von Sprechweisen determiniert wird, in denen nicht nur ein Geschlecht und ein Diskurs vorherrschen. Die Ablösung des mütterlichen Begehrens durch eine scheinbar vom Vater gehaltene rationale Rede ist eine beruhigende theoretische Fiktion, die der Wirklichkeit fremd bleibt.
Um auf die zweideutigen Ausdrucksformen des mütterlichen Genießens Antwort zu finden, darf das Kind nicht allein auf die väterliche Norm vertrauen. Der diesen Sprachphänomen selbst unterworfene Vater kann das Gesetz nur vertreten, wenn er seinem Kind gegenüber als ein durch Liebe privilegiertes Symptom funktioniert. Das Kind kann sich von der Beherrschung durch die mütterliche Rede nicht einfach dadurch befreien, dass es dem Vater gehorcht und die Kastration akzeptiert. Im Laufe seines heranreifenden Lebens muss es zu dieser Befreiung selbst beitragen. Es wird im besten Fall etwas entwickeln, das Lacan mit einem mittelalterlichen Wort « Sinthom» nennt. Dieses Gebilde hat es von den Folgen der Überflutung durch das mütterliche Genießen schützen, indem es die zweideutigen sprachlichen Träger dieses Genießens zu seinem eigenen Gebrauch und Gunsten verwandelt. Gelingt diese Metamorphose dem Subjekt nicht, so kann es sich an eine(n) Psychoanalytiker(in) wenden, damit der (oder die) ihm bei dieser schöpferischen Symptombildung hilfreich zur Seite stehe.
Sechs Vorträge sollen nun zeigen, dass dieser theoretische und klinische Durchbruch Geneviève Morels von anderen Psychoanalytikern weiter vorangetrieben werden kann.
Gabrielle Devallet-Gimpel: Das Reale des Körpers am Ende der psychischen Kur. Kann der Körper die Rolle eines trennenden Elements übernehmen?
Welche Rolle spielt der Körper außer in Angstzuständen, Somatisations- oder Konversionssymptomen? Welche Stütze bildet er, wenn am Ende der psychoanalytischen Kur das Subjekt ohne Einbindung in die Signifikantenkette auskommen muss, wenn das Subjekt an einem Signifikanten stehenbleibt, der nur auf Abwesenheit von Sinn hinweist? Angesichts dieser Sinnesleere, Bedeutungsleere, ist die Konsistenz des Symbolischen geschwächt (»abgenutzt bis auf die Kette«): der Körper kann die Furche des Realen ausheben.
Kann das Reale des Körpers, wenn das Fantasma am Ende der Kur an Konsistenz verliert ( die »psychische Realität« bei Freud), eine Stütze für das Subjekt bilden? Kann ein psychosomatisches Phänomen die verschiedenen Konsistenzen des Realen, Symbolischen und Imaginären zusammenhalten wie es vorher das Fantasma tat?
Wir werden zusätzlich zu »Das Gesetz der Mutter« eine Arbeit von Jeanne Granon-Laffont heranziehen, die in diesem Zusammenhang von einer Verdoppelung der realen Konsistenz, von einem »zusätzlichen« Realen spricht, das eine zusätzliche Verknotung im Borromäischen Knoten ermöglicht oder auch eine »Reparation« im Sinne einer »Stellvertretung« (suppléance).
Dr. Gabrielle Devallet-Gimpel, Psychiater und Psychoanalytikerin in Toulouse-Blagnac (Frankreich). Medizinstudium in Heidelberg und psychiatrische Ausbildung in Toulouse. Langjährige Teilnahme am Collège Clinique de Psychanalyse du Sud-Ouest (CCPSO, den Forum du Champ Lacanien zugeordnet), Mitglied der Assoziation de Psychanalyse Jacques Lacan und der Assoziation für die Freudsche Psychoanalyse.
Download des gesamten Programms der Vortragsreihe als PDF: